Trump, Selenskyj und die Doppelkrise Ukraine–Iran
Der 36. NATO-Gipfel in der türkischen Hauptstadt Ankara findet in einer der angespanntesten sicherheitspolitischen Lagen seit Jahrzehnten statt. Während der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine weiter andauert, ist zugleich der Konflikt zwischen den USA und Iran erneut eskaliert. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen dabei US-Präsident Donald Trump und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, die in Ankara mehrfach öffentlich auftraten und hinter verschlossenen Türen über Waffenlieferungen, Luftverteidigung und mögliche Friedensperspektiven berieten.
Trump zwischen Drohungen gegen Iran und Druck auf die NATO-Partner
Schon zu Beginn des Gipfels machte Trump deutlich, dass er den jüngsten Waffenstillstand mit Iran für gescheitert hält. Nach neuen US-Luftschlägen gegen iranische Ziele kündigte er weitere Angriffe an und stellte sogar die Wiederaufnahme einer umfassenden Seeblockade in Aussicht. Zugleich übte er scharfe Kritik an europäischen NATO-Partnern, denen er mangelnde Unterstützung im Iran-Krieg und unzureichende Verteidigungsausgaben vorwarf.
Besonders im Fokus standen dabei Spanien und Dänemark: Madrid bezeichnete Trump als „schlechten Partner“, mit dem man keine Handelsbeziehungen mehr pflegen wolle, während er seine Forderung nach einer stärkeren US-Kontrolle über Grönland erneuerte. Diese Ausfälle verstärkten die Sorge vieler europäischer Staaten, dass die transatlantische Geschlossenheit weiter erodieren könnte.
Selenskyj in Ankara: Kampf um Luftverteidigung und langfristige Unterstützung
Wolodymyr Selenskyj nutzte den Gipfel, um die Verbündeten an die Dringlichkeit der Lage in der Ukraine zu erinnern. Russische Raketen- und Drohnenangriffe haben die ukrainische Luftverteidigung stark belastet, insbesondere die Bestände an Patriot-Abfangraketen sind knapp. Selenskyj warb daher für zusätzliche Systeme und für die Möglichkeit, Patriot-Raketen künftig auch in Europa zu produzieren, um die Abhängigkeit von US-Lieferungen zu verringern.
Die NATO-Staaten sagten der Ukraine im Rahmen des Gipfels Hilfen in Höhe von rund 70 Milliarden Euro für das Jahr 2026 zu, mit der Perspektive, ähnliche Niveaus auch 2027 zu halten. Neben Waffenlieferungen und Ausbildung geht es dabei zunehmend um den Aufbau einer eigenen europäischen Rüstungsbasis, die langfristig hohe Produktionskapazitäten für Munition und Luftverteidigung sicherstellen soll.
Treffen Trump–Selenskyj: Zwischen Friedensrhetorik und harter Realität
Besonders beachtet wurde das bilaterale Treffen zwischen Trump und Selenskyj am Rande des Gipfels. Trump lobte öffentlich die „starke Führung“ Selenskyjs und stellte in Aussicht, der Ukraine die Lizenz zur Produktion von Patriot-Systemen zu gewähren. Zugleich sprach er von „Fortschritten“ auf dem Weg zu einem möglichen Friedensabkommen mit Russland und deutete an, beide Seiten seien inzwischen stärker zu einem Ende des Krieges bereit.
Kritiker verweisen jedoch darauf, dass Trumps Aussagen oft widersprüchlich sind: Einerseits betont er, der Krieg in der Ukraine sei vor allem ein europäisches Problem, andererseits stellt er weitreichende militärische Unterstützung in Aussicht. Für Selenskyj bleibt entscheidend, ob den Ankündigungen konkrete Lieferverträge, Produktionslizenzen und verbindliche Sicherheitsgarantien folgen.
NATO im Spannungsfeld: Einheit demonstrieren, Konflikte managen
Für die NATO-Führung ist der Gipfel in Ankara ein Balanceakt. Generalsekretär Mark Rutte versucht, einerseits die Geschlossenheit des Bündnisses zu betonen und die „eiserne Verpflichtung“ zur kollektiven Verteidigung zu unterstreichen, andererseits die Spannungen mit Washington zu moderieren. Die europäischen Staaten präsentieren höhere Verteidigungsausgaben und langfristige Zusagen für die Ukraine, um Trump zu zeigen, dass sie mehr Verantwortung übernehmen.
Gleichzeitig muss das Bündnis den gleichzeitigen Druck aus zwei Konfliktregionen bewältigen: Im Osten bleibt die Ukraine der zentrale Prüfstein für die Glaubwürdigkeit der NATO, im Nahen Osten droht eine weitere Eskalation mit Iran, die globale Energiepreise und Handelsrouten destabilisieren könnte. Ankara wird damit zum Symbol für eine neue Ära, in der die Allianz mehrere große Krisen parallel managen muss.
Ausblick: Offene Fragen nach einem Gipfel der Widersprüche
Am Ende des NATO-Gipfels in Ankara stehen viele Fragen offen. Wird Trump seine Drohungen gegenüber Iran in weitere militärische Aktionen umsetzen? Können die europäischen Staaten ihre Zusagen für die Ukraine tatsächlich dauerhaft finanzieren und in industrielle Kapazitäten übersetzen? Und wird die angekündigte Kooperation bei Patriot-Systemen zu einem echten technologischen und sicherheitspolitischen Gewinn für Kiew?
Klar ist: Die Entscheidungen, die in Ankara angestoßen wurden, reichen weit über den aktuellen Nachrichtenzyklus hinaus. Sie betreffen die zukünftige Sicherheitsarchitektur Europas, die Rolle der USA im Bündnis und die Frage, ob die NATO in einer Welt multipler Krisen handlungsfähig und geschlossen bleibt. Der Gipfel markiert damit weniger einen Abschluss, sondern eher den Beginn einer neuen, konfliktreichen Phase der transatlantischen Sicherheitspolitik.